Die Zeit rennt – der Abschied naht

Australia

„How did it get so late so soon? – Dr- Seuss

Ich fühle mich wie im Flug – im Flug durch Raum und Zeit. Tage, Wochen, Monate ziehen in Windeseile an mir vorbei. „Wo ist die Zeit geblieben?“, frage ich mich. „Wie kann meine Zeit als Au Pair in Australien bloß so schnell vergangen sein?“. Mehr als sechs Monate lebe ich nun schon bei meiner Gastfamilie am anderem Ende der Welt. Weniger als ein Monat hier in Cairns bleibt mir noch. Der Abschied von all den Menschen, die ich so sehr ins Herz geschlossen habe, naht.

Es ist verrückt – einerseits fühle ich mich, als wäre ich erst vor wenigen Wochen nach Australien gereist, weil ein halbes Jahr einfach so schnell vergangen ist. Andererseits kommt es mir vor, als würde ich meine Gastfamilie schon ewig kennen – als würde ich hier schon lange leben. In einer gefühlt so kurzen Zeit habe ich so viel erlebt, dass bereits Jahre vergangen sein könnten. Mein Zeitgefühl steckt voller Widersprüche. Nur Eines steht fest: Egal wie gefühlt schnell oder langsam die Zeit vergehen mag, der Großteil meines Auslandsabenteuers liegt bereits hinter mir.

Genauso widersprüchlich wie mein Gefühl für die Zeit sind auch alle anderen Emotionen in mir. Meine Gefühlswelt befindet sich irgendwo zwischen Angst vor dem Abschied und Vorfreude auf den Aufbruch. Ich möchte nicht gehen, doch kann es kaum erwarten, weiterzureisen und zurückzukehren. Meine derzeitige Situation hat zwei Seiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Keines meiner Gefühle überwiegt – denn es tut genauso weh, meine unfassbar liebgewonnene Gastfamilie zu verlassen, wie es sich gut anfühlt, meine liebsten Menschen bald wiederzusehen.

Der anstehende Abschied wird kein leichter sein. Wenn ich nur daran denke, bald „Tschüss“ sagen zu müssen, habe ich einen Kloß im Hals. Die beiden Kinder, auf die ich das letzte halbe Jahr aufgepasst habe, sind mir so sehr ans Herz gewachsen. Zu wissen, dass ich sie in den nächsten Jahren wahrscheinlich erstmal nicht wiedersehen werde, bricht mir das Herz. Denn anders als beim Abschied von meinen Liebsten in Deutschland, weiß ich nicht, wann ich zurück nach Cairns kehren werde. Der Gedanke daran, für lange Zeit von der Familie, mit der ich die letzten sechs Monate zusammengelebt habe, getrennt zu sein, ist ziemlich angsteinflößend und erscheint fast irreal.

Doch jeder Abschied ist zugleich der Beginn von etwas Neuem. Mit meiner Rückkehr nach Deutschland beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt. Ich bin gespannt auf all das, was vor mir liegt – freue mich auf neue Erfahrungen und altbekannte Menschen, die zuhause auf mich warten. Die ersten Schritte auf meinem neuen Weg führen mich jedoch nicht gleich zurück nach Hause. Bevor ich meinen Heimathafen in Hamburg anpeile, möchte ich noch etwas mehr von der Welt sehen. Ich werde einen Monat lang durch Asien reisen, um neue Orte zu entdecken und mich von fremden Kulturen inspirieren zu lassen.

Ich fühle mich nicht bereit zu gehen, doch bin auf jeden Fall bereit für anstehende Abenteuer und die Rückkehr zu meinen Liebsten – das ist wohl der Widerspruch des Weiterreisens.